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Utz Bergmann
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FSJ bei den Mobilen Diensten: Du musst es zu schätzen wissen

Foto: Siekmann / DRK RM

„Es ist ein Luxus zur Schule zu gehen“, sagt Chris Perus. Der 21-Jährige war rund ein Jahr lang FSJler bei den Mobilen Diensten des DRK in Backnang. Ein Vorzeigeschüler war er nicht, sagt Perus offen. Sein Freiwilliges Soziales Jahr war ein „softer Einstieg ins Berufsleben“, der ihn geprägt und motiviert hat. Es sind die Menschen, denen er in diesem Jahr begegnet ist, die ihn beeindruckt haben.

Da gebe es Klienten, die fast vollständig gelähmt im Rollstuhl sitzen. Einer könne zwar seine Arme leicht bewegen, doch seine Finger können nicht mal einen Stift halten. Chris Perus fährt Menschen, die in einem „anderen Leben“ Fußball gespielt haben und nun wegen voranschreitenden Muskelschwundes nicht mehr sprechen können. Einer ist taubstumm. „Das schockt dich nicht nur im ersten Moment. Du wirst damit konfrontiert“, sagt Perus „und setzt sich damit auseinander: Die können ohne Hilfe nicht aus dem Bett, nicht duschen, nicht essen, nicht auf Toilette.“ Und er, räumt Perus ein, hatte zeitweise Probleme, sich für die Schule zu motivieren, „das ist doch Pipifax!“, weiß er heute. „Meistens liegt es an Dir selbst“. Das hat er nach wenigen Wochen gelernt.

„Ich hätte nie gedacht, was ich hier alles lerne“

Die ersten Tage als neuer FSJler war er sehr zurückhaltend. Im Rahmen des Sozialen Jahres nahm er an Seminaren teil, wurde über Krankheiten aufgeklärt. Wichtig waren am Anfang die erfahrenen Kollegen, die ihm über jeden der oft langjährigen Klienten, Schüler, Kinder und Erwachsene mit unterschiedlichen und auch unterschiedlich schweren Erkrankungen und Krankheitsbildern aufklärten – auch über ihre Eigenschaften und Eigenheiten. Als FSJler bei den Mobilen Diensten fuhr er alleine oder im Team täglich Touren, holte Kunden ab, brachte sie zur Arbeit, zum Arzt, nach Hause oder in eine Behindertenwerkstatt. Die Angst, in Fettnäpfchen zu treten, etwas Falsches zu sagen, jemand zu lange oder zu kurz in die Augen zu schauen, ihnen zu viel oder zu wenig zuzutrauen, wich mit der Zeit und mit dem Rat der Kollegen. „Ich hätte nie gedacht, was ich hier alles lerne“, sagt er – und meint nicht nur das frühe Aufstehen an jedem Werktag.

Die Komfortzone verlassen

Er hat gelernt, seine Komfortzone in mehrfacher Hinsicht zu verlassen, auf Menschen, egal wie sie sind, zuzugehen. So konnte er die Distanz, die die Beziehung zwischen ihm und den Kunden anfangs ausmachte, überwinden. „Akzeptieren ist das Wort“, sagt er. Ein Witz hier, eine übertrieben lustige Grimasse dort, eine ganz alltägliche Frage, lautes Schimpfen über das Radioprogramm: Das Eis zu brechen, ist nicht schwierig. Und wenn ein Patient keinen Kontakt wünscht, wird das akzeptiert. Und siehe da. Irgendwann begrüßte und verabschiedete ein autistischer Kunde ihn dann doch.

Den meisten dieser Menschen gelinge es doch, trotz der vielen Einschränkungen, die ihr Leben bedeutet – auch für ihre Angehörigen – das Leben zu genießen, hofft und vermutet der 21-Jährige. „Ich wage zu behaupten, dass er ein schönes Leben hat“, sagt er über einen Patienten mit umfangreicher Behinderung. „Davor habe ich höchsten Respekt: Er holt das Beste raus. Er lebt damit, er lebt damit weiter und lebt damit gut“, sagt er. Ein Rollstuhlfahrer hat ihm mal erzählt, was er alles gerne können würde. Das waren alltägliche Dinge. „Aber er kann es nicht“. Jetzt geht er durch die Straßen und urteilt, ob Wege und Häuser rollstuhlgerecht sind. „Bleib auf dem Boden“, sagt Chris Perus. Das seien wichtige Erfahrungen. „Was mir bewusst wurde: Du musst es zu schätzen wissen, wie gut es dir geht. Du bist gesund, hast alle Körperteile, kannst alles machen.“  

410 Euro erhält ein FSJer im Monat

Beim DRK habe er Ansprechpartner und Kollegen, mit denen er über die Klienten und den Alltag reden könnte, die Lebenserfahrungen besäßen über vertane Chancen, verpasste Gelegenheiten und richtige Entscheidungen. Sein FSJ habe er auch angefangen, damit zum ersten Mal monatlich Geld aufs Konto fließt. 410 Euro erhält ein FSJer im Monat. Damit ist er bestimmt nicht allein.

Eigentlich habe er gar kein klares Bild gehabt, was ihn erwartete. Dass er das mit den Behinderten schaffen würde, das habe er gewusst. Nun meistere er viele Herausforderungen. Er durfte sich beweisen, hat sich angestrengt und es geschafft, sagt er stolz. „Du musst deine Arbeit gut machen“, hat er gelernt. Für dich, deinen Arbeitgeber, deine Kollegen und vor allem die Menschen, mit denen er es zu tun hat, mit all ihren Krankheiten, Rückschlägen, Eigenheiten und Liebenswürdigkeiten.

Sein FSJ endet bald. Ein paar Wochen will er noch für das DRK arbeiten. Dann startet er endgültig ins Berufsleben, denn nun hat es endlich mit einem Ausbildungsvertrag geklappt. Ein Pflegeberuf? Nein, etwas anderes, etwas im kaufmännischen Bereich. Doch er könne sich vorstellen, zu manch einem Patienten weiterhin Kontakt zu haben, vielleicht doch noch die ein oder andere Tour zu fahren. Es könnte ja auch sein, dass der ein oder die andere ihn als Fahrer, Helfer und Kollegen akzeptiert hat, meint er. Vielleicht hat sein Jahr beim Roten Kreuz sie ja auch beeindruckt. Das bestätigt Doreen Tetzel. Sie sitzt im Rollstuhl. „Die machen einen super Job“, sagt sie. Die DRKler fahren sie zur Arbeit, auch mal ins Kino. „Ich kann am Leben teilnehmen“, fasst sie glücklich zusammen.

Es verändert die Menschen

Irma Hettich von den Mobilen Diensten des DRK in Backnang bestätigt das, was Chris Perus schildert. „Es tut den Menschen gut, zu sehen, was wir in der Sozialen Arbeit machen. Es verändert die Menschen. Sie werden offener und bauen Berührungsängste ab.“ Bei den Mobilen Diensten könnten die jungen Leute, 18 bis 26 Jahre, in verschiedene Bereiche reinschnuppern. Einen Führerschein sollten sie haben. Da gibt es die täglichen Fahrdienste und auch die Schulbegleitung. Mitunter begleite Helfer der Mobilen Dienste des DRK im Kreis junge Klienten mit Behinderung, die zur Schule gehen, auch über eine komplette Schulfreizeit hinweg. Einen jungen Mann fahren und betreuen FJSler jeden Tag in der Uni. Sie unterstützen ihn, schreiben auch mal während der Vorlesung mit.  Die Mobilen Dienste bieten ein breites Angebot, so Irma Hettich und die entsprechende Leitung würde schnell sehen, wo die Stärken der FSJler liegen. Der Mix aus Fahrdienst, Helfen und Begleiten reize viele junge Leute, hat sie festgestellt.

Wer sich für ein FSJ interessiert, könne gerne mal bei den Mobilen Diensten in Backnang vorbeischauen und sich informieren.

Mobile Dienste Backnang
Fabian Frasch und Irma Hettich
Eugen-Adolff-Str. 120
71522 Backnang
Tel.: 07191 88311
mobiledienste.backnang(at)drk-rems-murr.de 
Foto: Siekmann / DRK-Kreisverband Rems-Murr

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